
Rotterdam 2026
Dem pinken Horizont entgegen - In einer mutmachenden Anti-Dystopie trifft Zeitgenössischer Zirkus auf Bauhaus
Dem pinken Horizont entgegen - In einer mutmachenden Anti-Dystopie trifft Zeitgenössischer Zirkus auf Bauhaus
Im Rahmen des Circusstad Festivals Rotterdam präsentierten Zirkusstudierende am Ende ihres dritten Jahres der Codarts University die Gruppenkreation Pink Horizons. Die Produktion entstand über mehrere Wochen in einem gemeinsamen Recherche- und Kreationsprozess. Begleitet wurde die Studierenden von der Berliner Regisseurin und Zirkuskünstlerin Cox Ahlers, die für das Projekt Impulse aus Bauhausbewegung, zeitgenössischem Zirkus und anti-dystopische Zukunftsgedanken zusammenführte.
Unter dem Titel Pink Horizons – between collapse and care beschäftigte sich die Gruppe mit Zukunftsbildern. Dafür arbeiteten die Studierenden unter anderem mit den Texten der Politikwissenschaftlerin Isabella Hermann, die sich mit Antidystopien als Räumen gesellschaftlicher Handlungsmöglichkeiten auseinandersetzt. Die Proben wurden von Gesprächen über Solidarität, Verantwortung, Privilegien, gegenseitige Unterstützung und die Frage begleitet, welche Zukunftsvorstellungen Menschen miteinander teilen können.
Zu Beginn der Aufführung wurde eine Reihe von Zuschreibungen und Vorwürfen an das Publikum und die Gesellschaft ausgesprochen: „You capitalists, You categorisers, „ You fat shamers, You child labour supporters, You arrogant people, You all attention seekers, You do everything half, You ignores, black and white thinkers.“
Die Aufzählung verdichtete Erfahrungen von Ausgrenzung, Polarisierung und moralischer Überheblichkeit zu einem dystopischen Stimmengewirr. Im Verlauf der Aufführung wurde diesem Blick ein anderer gegenübergestellt. Im abschließenden Text rückten Fürsorge, gegenseitige Unterstützung und die Fähigkeit in den Mittelpunkt. Mutmachend entwickelt sich das Stück von einer kalten, abweisenden Atmosphäre und Menschen in strengen Anzügen hin zu einem durchmischten Kostümbild, in dem Anzugteile teilweise noch getragen werden, aber gemischt mit viel Pink eine Vielschichtigkeit von Charakteren widerspiegeln.
Für Cox Ahlers ist diese Arbeit eng mit Gedanken verbunden, die sie aus ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit dem Bauhaus entwickelt hat. Im Zentrum steht die Frage: „Wie wollen wir leben?“ Sie zieht sich durch die Proben ebenso wie durch die inhaltliche Recherche der Produktion. Das historische Bauhaus dient dabei als Bezugspunkt für gemeinschaftliches Arbeiten, für den Austausch von Wissen und für die Vorstellung, dass kreative Prozesse aus unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen entstehen.
Die inhaltliche Recherche prägte zugleich die Art und Weise, wie die Gruppe zusammenarbeitete. Pausen, Reflexionsmomente und der Umgang mit unterschiedlichen körperlichen und mentalen Voraussetzungen gehörten für Ahlers selbstverständlich zum Prozess. Die Entwicklung der Aufführung wurde damit zugleich zu einer Auseinandersetzung mit künstlerischer Praxis: Wie entstehen Entscheidungen? Welche Stimmen werden gehört? Wie wächst Vertrauen innerhalb einer Gruppe? Und welche Bedingungen brauchen Menschen, um kreativ arbeiten zu können? Antworten darauf formuliert Pink Horizons nicht, sondern erprobt sie im gemeinsamen Arbeiten.
Vertieft wurde diese Recherche durch die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Antidystopie. Ausgangspunkt waren die Überlegungen Isabella Hermanns zu Zukunftsbildern, die gesellschaftliches Handeln ermöglichen. Während Dystopien häufig Ängste, Kontrollverlust und Krisenszenarien beschreiben, richtet die Antidystopie den Blick auf Handlungsspielräume, Solidarität und die Vorstellung, dass Zukunft gestaltbar bleibt. Zukunft erscheint dabei nicht als festgeschriebene Entwicklung, sondern als offener Raum verschiedener Möglichkeiten.
"Zukunft erscheint dabei nicht als festgeschriebene Entwicklung, sondern als offener Raum verschiedener Möglichkeiten."
Die Auseinandersetzung blieb dabei nicht auf die Lektüre beschränkt. Auf Initiative der Produktion kam es zu einem gemeinsamen Online-Gespräch mit Isabella Hermann, bei dem die Studierenden ihre Fragen direkt mit der Autorin diskutieren konnten. Der Austausch wurde von den Beteiligten als wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung der Produktion beschrieben. Dabei ging es unter anderem um Zukunftserzählungen, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, welche Rolle Kunst in Zeiten multipler Krisen spielen kann.
Aus dem Gespräch entwickelte sich die Überlegung, dass zeitgenössischer Zirkus in vielerlei Hinsicht bereits eine antidystopische Praxis ist. Die Kunstform lebt von der Suche nach Möglichkeiten, vom Experimentieren und vom Vertrauen in kreative Prozesse. Neue Apparate werden entwickelt, Materialien zweckentfremdet, Objekte erforscht und Bewegungen immer wieder neu gedacht. Was zunächst als Begrenzung erscheint, wird zum Ausgangspunkt für Erfindungen. Aus dieser Perspektive entsteht Zukunft nicht als abstrakte Vision, sondern im konkreten Handeln – im gemeinsamen Erproben, Verwerfen und Weiterentwickeln von Ideen. Die Recherche nach anderen Nutzungsmöglichkeiten von Objekten, das Umdeuten bestehender Techniken oder das Entwickeln neuer Apparaturen gehören seit jeher zum Selbstverständnis des zeitgenössischen Zirkus. Gerade in dieser Offenheit gegenüber dem Unfertigen und Noch-nicht-Gedachten sah die Gruppe eine Verbindung zu antidystopischen Ansätzen, die Zukunft nicht als festgelegtes Szenario verstehen, sondern als etwas, das sich gestalten lässt.
Diese Gedanken fanden auch Eingang in die Textfragmente der Aufführung. Während die dystopische Stimme Menschen über Kategorien, Konsumverhalten, politische Haltungen oder Identitäten voneinander trennt, beschreibt die antidystopische Perspektive eine Gemeinschaft, die Differenzen nicht auflösen muss, um miteinander leben zu können. „Ambiguous tolerant people“, heißt es dort – Menschen, die unterschiedliche Meinungen aushalten, Grenzen respektieren, Hilfe annehmen und geben können. Damit erhielt die theoretische Auseinandersetzung mit Antidystopien eine konkrete künstlerische Form und verband gesellschaftliche Fragestellungen mit den Erfahrungen der Gruppe während des gemeinsamen Arbeitsprozesses.
Die langjährige Verbindung von Bauhaus, Zirkus, künstlerischer Forschung und kollektiven Arbeitsweisen prägt schon lange die Arbeit von Cox Ahlers. Seit 2016 arbeitet sie mit der Stiftung Bauhaus Dessau zusammen und hat zahlreiche ortsspezifischen Projekte und Performances entwickelt.
Die Regisseurin lebt und arbeitet in Berlin und gehört zu den prägenden Akteur:innen des zeitgenössischen Zirkus in Deutschland. Nach ihrer Ausbildung an der Brüsseler Zirkushochschule ESAC arbeitet sie international als Performerin, Regisseurin, Projektleiterin, Mentorin und künstlerische Impulsgeberin. In ihrer Arbeit verbindet sie zeitgenössischen Zirkus mit künstlerischer Forschung, interdisziplinären Arbeitsweisen und gesellschaftlichen Fragestellungen.
Schon beim Betreten des Aufführungsraums wurde sichtbar, wie stark die gemeinsame Recherche die Inszenierung geprägt hatte. Hängende Konstruktionen durchzogen den Raum, Objekte wurden zu gestalterischen Elementen, Körper formten temporäre Architekturen. Formen, Farben und räumliche Kompositionen verwiesen auf Einflüsse des Bauhauses, dessen Ideen den Ausgangspunkt der gemeinsamen Recherche bildeten. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Menschen zusammenarbeiten, voneinander lernen und gemeinsame Verantwortung übernehmen können.
Sichtbar wurde dies auch in der Art, wie die Produktion entwickelt wurde. Während der Proben arbeiteten die Studierenden in wechselnden Gruppen an Dramaturgie, Musik, Regie, Licht, Kostüm und Szenografie. Ideen wurden gemeinsam entwickelt, diskutiert und weitergeführt. Die Gruppe organisierte große Teile der künstlerischen Arbeit eigenständig und übernahm Verantwortung für einzelne Szenen und Aufgabenbereiche.
Während des gesamten Entwicklungsprozesses standen das kollektive Erforschen und Austesten im Fokus. Die Studierenden entwickelten Szenen, untersuchten Materialien, experimentierten mit Objekten und Bewegungen und brachten eigene Interessen und Erfahrungen in den Prozess ein. Besondere Aufmerksamkeit galt dem Dialog zwischen Körper, Objekt und Raum.
Jonglierkeulen, Tücher, Masten oder hängende Konstruktionen wurden zu Ausgangspunkten für Untersuchungen über Bewegung, Materialität und Wahrnehmung. Gleichzeitig flossen Musik, Text, Licht, Kostüm und räumliche Gestaltung in die Entwicklung ein. Die einzelnen Elemente verbanden sich zu einem vielschichtigen Bühnenbild. Dabei leiteten die Fragen nach Form, Raum, Körper, Gemeinschaft und gesellschaftlichem Zusammenleben die Kreation.
Als Regisseurin und künstlerische Impulsgeberin verstand Cox Ahlers die Studierenden als Expert:innen ihrer eigenen Praxis. Entsprechend entstand ein Arbeitsumfeld, in dem Recherche, Experiment und Austausch einen wichtigen Platz einnahmen. Für Cox ist das Bauhaus vor allem eine Haltung. Sie interessiert sich für die Idee, Wissen zu teilen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und Kreativität als offenen Prozess zu verstehen. In den Proben entstand daraus ein Umfeld, in dem künstlerische Entscheidungen kontinuierlich ausgehandelt wurden. Die Studierenden beteiligten sich an dramaturgischen Überlegungen, übernahmen Verantwortung für einzelne Szenen und entwickelten eigene künstlerische Ansätze weiter. Neben den jeweiligen Zirkusdisziplinen fanden auch Kenntnisse aus Musik, Gestaltung, Film, Fotografie oder anderen kreativen Bereichen ihren Platz im Prozess. Die Produktion entwickelte sich dadurch Schritt für Schritt zu einem gemeinsamen Projekt, das von den Ideen und Perspektiven der gesamten Gruppe getragen wurde.
Mit Pink Horizons ist die gemeinsame Recherche noch nicht abgeschlossen. Bereits am 4. und 5. September wird sie im Rahmen des Bauhausfests in Dessau fortgesetzt. Gemeinsam mit Studierenden der Codarts University Rotterdam, der École Supérieure des Arts du Cirque (ESAC) in Brüssel und SENECA Intensiv Berlin entwickelt Ahlers die Uraufführung von Material in Bewegung. Damit greift das Bauhausfest 2026 die historische Faszination des Bauhauses für den Zirkus auf, dessen spielerischer, experimenteller und imaginativer Charakter schon die Bauhäusler:innen inspirierte. Das neue Projekt führt diesen Dialog zwischen Bauhaus und zeitgenössischem Zirkus weiter und bringt junge Künstler:innen aus drei europäischen Ausbildungsstätten in Dessau zusammen.
Swantje Kawecki für ZIRKUSPLUS

